WISSENSCHAFT IN KUNST
(OTZ, 26.09.08)


Beim Kehren des Marktes fällt der
Blick von KSJ-Mitarbeiter Dieter Barth
auf die neuen Ausstellungsbilder
des Vereins habileté e.V. ...

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Deutsch-französische Kunstausstellung

Allgemeines

v.l. Martine Metzing-Peyre und Yuta Strega im Esplanade Jena
Martine Metzing-Peyre und Yuta Strega im Esplanade Jena
v.l. Yuta Strega, Gabi Mehl, Martine Metzing-Peyre
Erfolgreiche Zusammenarbeit wird im Scala zelebriert

Der Intention „rendez-vous“ des deutsch-französischen Jahres unserer Region folgend führten Hotel Steigenberger und habileté e.V. Künstlerinnen beider Länder zusammen. Martine Metzing-Peyre, eine Französin, die in Bonn lebt, und Yuta Strega, eine geborene Deutsche, heimisch in der Provence, begegneten einander mit und in ihren einfühlsam und farbintensiv gestalteten Werken.


Nach dem ursprünglichen Projektplan sollten lediglich Bilder einer Französin deutscher Herkunft ausgestellt werden. Auf der Suche nach einer solchen ergab sich Scalader Kontakt zu einer weiteren, deren Herkunft und Wohnort das Pendant zur ersten lieferte. Es bot sich an, die Ausstellung zum Ort der Begegnung beider Künstlerinnen werden zu lassen.

In den Wochen der Ausstellungsvorbereitung wurde in den überaus lebendigen Gesprächen mit den Künstlerinnen die Idee geboren, ein filmisches Portrait entstehen zu lassen. Beide Frauen begrüßten dieses Vorhaben und schufen daraufhin sogar neue Werke, zu denen sie dieses Thema der Ausstellung – Begegnung – inspirierte: z.B. „Le bataille“ (Die Schlacht) von Yuta Strega oder die Bilderreihe „Augen“ von Martine Metzing-Peyre.

In Jena sind sich beide Künstlerinnen das erste Mal begegnet. In der Woche vom 3. bis zum 9. September 2006 hatten beide die Gelegenheit, sich kennen zu lernen und miteinander zu arbeiten.

Flyer (PDF, 1,9 MB): Projektbeschreibung
Plakat (PDF, 327 KB): Ausstellungsinformation


Die Ausstellung
In gesellschaftskritischer Orientierung thematisieren die Bilder beider Künstlerinnen u.a. (Ver-) Nichtendes wie den Krieg – einerseits zwar durch Medien und Presse allgegenwärtig, andererseits gerade dadurch nur abgestumpft wahrgenommen, keinesfalls in der unmittelbaren existentiellen Bedrohung.

Es entstand eine einfühlsam gestaltete Ausstellung, Bilddie sowohl den Künstlerinnen als auch den Besuchern einen reflektorischen Blick auf verschiedene Ebenen einer deutsch/französischen Begegnung eröffnete. Martine Metzing-Peyre übersetzt in ihren Bildern die Verarbeitung des Krieges im Irak. Sie reflektiert die Berichterstattung in der Presse, im Internet und im Fernsehen. Zudem bemüht sie sich um die emotionale Verarbeitung als „Unbeteiligte“. Yuta Strega gewährt Einblick in ihre künstlerischen Reflexionen zu ihren Aufenthalten im Gaza (2003/2004), wo sie palästinensischen Studenten Kunstunterricht erteilte. Das Thema „Krieg“ erfuhr somit in den Kunstwerken der Ausstellung besonderes Gewicht und stellte inhaltlich nicht zufällig die Verbindung mit der Schlacht bei Jena-Auerstedt vor genau 200 Jahren her.
Interessierte, insbesondere Studierende der Kunst, Romanistik, Historie etc., aber auch Schüler waren eingeladen zu speziellen Führungen, die der Verein anbot.

Termine

03.09. 06 und 04.09.06
Ankunft der beider Künstlerinnen in Jena


05.09. 06, 11.00 Uhr

Pressekonferenz im Steigenberger Esplanade

07.09. 06, 19.00 Uhr
Vernissage, Eröffnung der Ausstellung in der Galerie des Steigenberger Esplanade (öffentlich zugänglich)

08.09.06, 16.00 Uhr bis 19.00 Uhr
Workshop „Lust am Malen“ in Zusammenarbeit mit der Musik- und Kunstschule im Glashaus Jena Paradies

14.09.06
Napoleonnacht, Ein Programm mit Führungen, Film und Musik

29.10.06
Abschlussabend in der Ausstellung mit allen Interessierten, Helfern und Gästen

Yuta Strega

Yuta Strega

Biografie

1946 in Elwangen geboren

1965 bis 1970 STUDIUM an der HOCHSCHULE für BILDENDE KÜNSTE in FRANKFURT/ M

1977 Umzug nach Frankreich / Var

1984 Gründung und Leitung einer Kunstschule in Sanary / Var mit Hilfe der Stadt

1990 Umzug nach Najac / Aveyron Gründung und Leitung einer Kunstschule in Najac, Kunstausstellungen in der Galerie “Maison de la Fontaine “ in Najac , mit Hilfe des Bürgermeisteramtes und dem Verkehrsbüro.

1996 - 2005 Leitet die Kunstschule im Schloss v. Bournazel “Au Bonheur de Peindre”

2003 Unterricht an 6 französischen Pilotschulen in Gaza (Palestinien)

2004 Unterricht an den Kunsthochschulen in Naplouse und Gaza (Palestinien)

"Meine Arbeit besteht darin, mein Wissen und meine Erfahrungen weiterzugeben und den Dialog mit den Betrachtern meiner Bilder zu eröffnen."


Einzelausstellungen


1976 Grasse Galerie Tressemann

1977 Dortmund Galerie Ostentor

1980 Six-Fours Haus der Kunst

1980 Bad Wimpfen Galerie Staufer

1982 Heidenheim Galerie Holaschke

1982 Ollioules Alte Mühle-Haus der Kunst

1983 Aalen 140.Kunstausstellung

1984 Aixen Provence Rathaus

1987 Bandol Retrospektive-Haus der Kunst

1989 Toulon Galerie l’Etang d’Arts

1995 Albi Museum Toulouse - Lautrec

1999 Valence d’Agen Medienzentrum

2003 Gaza Palästina Kulturzentrum von Gaza

2004 Gramat Galerie Sillages

2005 Cordes s.Ciel Kulturzentrum ” Fonpeyrouse”

2006 Jena deutsch-französische Ausstellung



Gruppenausstellun
g


1984 Cannes Grand Prix International

1984 New -York International Art Expo New -York Coliseum

1985 Tokyo Art International Laforet

1987 Paris La Conciergerie Grand Prix de France

1990-1999 Montauban Semaines des Arts du Conseil Général

1996 Saint Antonin Noble-Val Rathaus

1996 Villefranche Gymnasium Polyvalant

1997 Paris Espace Cardin

1998 Paris Espace Cardin

1999 Paris Espace Cardin

2000 Paris Espace Cardin

2000 Beyrouth/Liban Museum Unesco

2003 St Germain des Angles Fabrik Zabu

2005 St Antonin de Noble Val Rathaus



Künstlerinporträt von Yuta Strega

Ein wesentlicher Aspekt der Kunst Yuta Stregas erschließt sich, wenn sie mit der ostasiatischen Philosophie, insbesondere mit den Lehren des Buddhismus, beziehungsweise des Zen-Buddhismus, in Verbindung gebracht wird. Dies gilt im Hinblick sowohl auf den Prozess des Malens oder Zeichnens als auch auf die dargestellten Sujets. Da die Künstlerin selbst mit ostasiatischen Philosophien vertraut ist, ist die Aussage, dass diese Lehren das Verstehen der Bilder erleichtert nichts von außen Herangetragenes. Wie Strega berichtet, vergisst sie beim Malen oft Zeit und Raum. Die Tätigkeit wird ihr zum meditativen Akt. Dadurch ist die bildnerische Aktivität mit einer spezifischen Form der Erkenntnisgewinnung vermittelt. „0bgleich ihr Kriterium allein in ihr selbst liegt, ist Kunst nicht weniger Erkenntnis als Wissenschaft"1. Im Bereich des methodisch gewonnenen Wissens, den Wissenschaften, kennt das europäische Denken vor allem zwei Formen der Erkenntnis: Auf der einen Seite die in lebensweltlicher Erfahrung begründeten Geisteswissenschaften und auf der anderen die auf instrumentell gewonnener Erfahrung basierenden Naturwissenschaften. Von diesem Wissens- bzw. Erkenntnisverständnis unterscheidet sich die zen-buddhistische Lehre grundlegend. Denn sie sucht keinen Halt in diesen Wissensformen, sie setzt stattdessen auf das durch Intuition erworbene Wissen. Die europäischen Schulen und Universitäten scheinen allein auf den beiden Wissensbeständen fundiert zu sein, die im Sinne der hier allgemein anerkanntenwissenschaftlichen Methoden auf einer sicheren Grundlage ruhen. Doch dies ist nur vordergründig zutreffend. Denn wir alle wissen, dass viele Einsichten auch auf eine, andere Art gewonnen werden können, nämlich durch ,,Aha-Erlebnisse". Ich kann zwar einen Zusammenhang oder Sachverhalt richtig verstehen, wenn ich systematisch und schrittweise vorgehe und mir eine Lektion nach der anderen aneigne. Doch hin und wieder gelingt es, Einsichten auf ganz andere Weise zu gewinnen. Alle, die sich in einem bestimmten Falle nur Wissen und Begreifen ernsthaft beruht haben, werden hin und wieder erlebt haben, dass ihnen - wie es umgangssprachlich ausgedruckt wird -,ein Licht aufgeht" oder ,,der Groschen fällt". Das intuitive Begreifen geschieht oft plötzlich. Wenn sich ein Mensch vorbereitet, wenn sein Geist ernsthaft sucht. dann kann das Resultat - wenn das Glück hold ist - unmittelbar eintreffen. Was Zen erreichen will, ist diese Art Wissen, ,,die tief in die Wurzeln des eigenen Daseins hinabreicht, oderbesser: die aus den Tiefen unseres Wesens emporwächst"2. Das Resultat dieses immanenten Prozesses kann, wenn er fruchtbar ist, ein logischer und psychologischer Sprung im Erkenntnisprozess sein. Der Zen-Buddhismus bezeichnet diesen Sprung, der überhaupt nichts mit intellektuellem und logischem Verstehen gemeinsam hat, im Japanischen als satori und im Chinesischen als wu (was mit ,,Erleuchtung" übersetzt werden kann). Der Künstlerin sind die grundlegenden Züge dieser Geisteshaltung selbstverständlichgeläufig. In kreativen Prozessen kann es nicht darauf ankommen, gelerntes Wissen anzuwenden. Kreativität setzt die Fähigkeit voraus, intuitiv zu arbeiten. Solche Momente sind wie Yuta Strega aus langer Erfahrung weiß, notwenige Bestandteile desMalprozesses.Der Zen-Buddhismus steht mit beiden Beinen im Leben. Abgehobenheit vom Alltäglichen und Gewöhnlichen, wie sie beispielsweise der Klassizismus im Erhabenen oder die Salon-Kunst in den edelmütigen Stoffen der klassischen Antike so sehr lieben ist nicht seine Sache. Ein kurzer Dialog'" zwischen Kyosan und Yisan mag die Zen-Haltung beleuchten: ,,Am Ende seines Sommeraufenthalts machte Kyosan einen Besuch bei Yisan. welcher sagte: «lch habe dich den ganzen Sommer diesen Weg nicht daher kommen sehen; was hast du dort drunten getan?» Kyosan erwiderte: «lch habe dort drunten ein Stück Acker bestellt und zuletzt Hirse gesät.» Yisan sagte: «Dann hast du deine Sommerzeit nicht verschwendet.» Nun war es an Kyosan, Yisan zu befragen, was er während des letzten Sommers getan habe, und er fragte: «Wie hast du deinen Sommer verbracht?» «Eine Mahlzeit am Tag und ein guter Schlaf in der Nacht.» Dies veranlasste Kyosan zu der Antwort: «Dann hast du deinen Sommer nicht verwendet.»"Die Zen-Lehre geht nicht den Weg, Wahrheiten in Wortabstraktionen oder in metaphysischen Erwägungen zu suchen. Für einen Zen-Schüler liegt die Wahrheit nichtweit weg von ihm selbst, sondern dicht neben ihm. Allerdings muss man, dem ostasiatischen Denken nach, eine Erkenntnis, die zum Greifen nahe ist, auch zu finden und zu fassen wissen. Die ostasiatische Philosophie kann als eine Kritik an der abendländischen Rationalität aufgefasst werden. Die Dichter der Beat Generation der 1950er Jahre eigneten sie sich in diesem Sinne an. Bereits im folgenden Jahrzehnt folgten ihnen die Künstler der PopArt (und auch die Happening-Künstler ebenso wie die psychedelischen Künstler). Für die Pop Art sind nicht die vermeintlich großen Themen des Überzeitlich-Gültigen von Interesse, sie widmen sich bevorzugt den Gegenständen der Alltagsbilderwelt. Andy Warhol verwendete Bilder von Marilyn Monroe oder Elvis Presley fur seine Siebdrucke auf Leinwand. Roy Lichtenstein vergrößerte Comic-Zeichnungen und Zeitungsannoncen auf große Gemäldeformate. Yuta Strega widmet sich in ihren Gemälden (auf die ich mich ausschließlich beziehen möchte) ebenfalls den schlichten Dingen des Alltags. Doch ihre Intention unterscheidet sich grundlegend von jener der Pop-Künstler. Diese nämlich griffen gerne die Bilderwelt auf, die damals in der Massenkultur der US-amerikanischen Metropolen zirkulierte. Sie dagegen bezieht sich auf die einfachen Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs. Sie malt in vibrierender Leuchtkraft4 ) die typisch französischen Kaffeeschalen (,,bol") aber auch Flaschen, Kleidungsstücke und Fenster. Daneben werden in ihren Gemälden aber nicht nur Gegenstände, sondern auch Situationen des Alltagslebens thematisiert. Dazu zählen etwa Begegnungen, die in eher schematisch gehaltenen Gesichtern gefasst sind. In einigen Fällen steigert sich ihre Pinselführung ins Abstrakte, als ob sich - so scheint es mir - die Intuition verselbständigt hätte. Das malerische Werk Yuta Stregas, darauf möchte ich hinweisen. lebt thematisch als auch formal - nicht ausschliesslich. aber doch ein gutes Stuck weit - aus der Geisteshaltung des ostasiatischen Denkens. Das drückt sich einerseits im unkontrollierten Gewährenlassen der Intuition im malerischen Prozess aus. Andererseits ist dadurch die Bindung der Sujets an jene gewisse Gewöhnlichkeit und Schlichtheit des Alltagslebens bedingt, die Effekthascherei und Affektiertheit grundsätzlich vermeidet.


Lutz Hieber


1
Daisetz Teitaro Suzuki: Die groBe Befreiung. Zurich - Stuttgart 1969. S 114.

2 Christian Germak: Yuta Strega. Arts No 142 (juiilet/aout2004). P. 76.

3 Max Horkheimer: Kntische Theorie. Band II Frankfurt/M. 1968 S. 314.t

4 Daisetz Teitaro Suzuki: Zen und die Kultur Japans. Hamburg 1967 

M. Metzing-Peyre

Martine Metzing-Peyre

Biografie


1935 in Dijon geboren

1956/57 Studium an der Ecole des Métiers d'Art, Paris

1957/58 Ecole des Beaux-Arts, Nancy, F.

1958/59 Ecole des Beaux-Arts, Paris

1963/65 Ecole des Beaux-Arts, Strasburg

1985-2001 Atelier im Frauen-Museum Bonn

Seit 1988 Mitglied der Künstlerinnengruppe zart & zackig z&z

Seit 2000 Mitglied der Ateliergemeinschaft 5in2



Stipendien


1990 "Affaires Culturelles Françaises" 1990 Stipendium der Stadt Bonn 1993 "Max Kade-Stipendium", Lancaster, Pennsylvania, U.S.A. 1995 Stipendium des Kulturministeriums von Thüringen



Ausstellungen


1985 „Travaux sur papier“ Institut Francais, Bonn, Mainz, Karlsruhe

1987 Espace personnel", Frauenmuseum, Bonn

1993"Past-Present", Marshall & Franklin College, Lancaster, Pennsylvania, USA

2000“Starke Frauen” Kulturzentrum, Konstanz

2001/02 „Stadtkunst 2001 Bonn“, Stadtmuseum

2004 "Zeitschrift", Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus

2005 „Arbeiten zu „Käthe Kollwitz“ Berlin, „Wahrnehmungsspuren“ Wissenschaftszentrum Bonn

1990 "Kunstpreis der Stadt Bonn", Städtisches Kunstmuseum, Bonn

1999"Die Invasion der Siebenhäutigen Königin" ACC Galerie, Weimar

2000 Le Musée des Femmes de Bonn au Goethe-Institut de Lyon“ Lyon

2003 "Leibhaftig", Galerie des BBK-Centrums, Frankfurt a/M,

2004 Kunstverein Potsdam

2005 „Doppelherz“ Galerie M Berlin z&z



Künstlerinporträt von Martine-Metzing Peyre


Ich bin in Dijon geboren, in einer Lehrerfamilie, die alles andere als konfor-

mistisch war. Meine Kindheit ist von ständigen Orts- und Personenwechseln geprägt. Ich könnte diesen Mangel an Stabilität auf den "Kriegszustand" schieben, doch auch die familiären Gewohnheiten spielen hier eine Rolle. Natürlich wurde durch den "Kriegszustand" von damals auch nichts besser. Ich habe schon immer für mein Leben gerne gezeichnet, seit ich überhaupt einen Stift halten konnte, was auch durch mein Umfeld gefördert wurde, insbesondere durch meinen um zwölf Jahre älteren Bruder, der Maler werden wollte, jedoch im Widerstand 1944 umkommen sollte.

Später hat mein Zeichenlehrer, Mr. Trotterot, mich ermutigt, ein Kunststudium aufzunehmen. Ich beginne also mit dem künstlerischen Zweig am Gymnasium Sèvres. Danach kommt das Atelier Charpentier in Paris. Ich schreibe mich in die École des Métiers d'Art im Hôtel Salé, dem heutigen Picasso-Museum, ein. Trotz der Schönheit der baufälligen Gebäude fühle ich mich dort nicht wohl. Deshalb gehe ich an die École des Beaux-Arts in Nancy, wo ich einen Abschluss (CAFAS) mache - nichts Großartiges, aber dennoch von Nutzen. Damit würde ich später, in der Zeit von 1963 bis 1966, eine befristete Stelle als Kunstlehrerin bekommen. 1958 kehre ich nach Paris zurück, wo ich mich im Atelier Legueult in l’Ecole des Beaux-Arts den Schönen Künsten widme. Dieses Atelier ist so gut wie ausgestorben, der „Maître“ lässt sich dort höchstens einmal während der Woche kurz blicken.

Nein, was mich vollauf in Beschlag hält, ist Algerien, der Krieg ! Und dorthin gehe ich auch, nach Algier. Meine Zeit verbringe ich abwechselnd in einer Malwerkstatt für Kinder (vor meiner Abreise mache ich ein Praktikum bei Arno Stern) und im arabischen Viertel Clos-Salembier, wo sich die Teams von "la Cimade" niedergelassen haben. Auch dort arbeite ich mit Kindern. Daraus entsteht eine Ausstellung, Titel der Ausstellung : "Kinder und Krieg". Ich nehme noch an den Unabhängigkeitsfeierlichkeiten in Algier teil und kehre dann nach Frankreich zurück. 1964 schreibe ich mich an der Schule der Schönen Künste in Straßburg in der Werkstatt für Gravierkunst ein. Im Frühjahr stelle ich in der Galerie "La Rive gauche" aus. In einer Kritik der Lokalpresse wird meine Arbeit für gut befunden, allerdings heißt es, sie sei zu sehr dem KZ-Thema verhaftet.

Im Sommer 1966 verlasse ich Frankreich und gehe nach Deutschland. Mit Dieter Metzing, gründe ich eine Familie. Thilo wird im Januar 1967 geboren, Manuela im Dezember 1969. Wir leben unter äußerst schwierigen Bedingungen, was meiner Eingewöhnung in Deutschland nicht gerade förderlich ist. Von meinen chronischen "Tiefs" falle ich in eine Depression, wo gar nichts mehr geht. Zum Glück finde ich einen qualifizierten Therapeuten, Dr. Janssen. Da mein Deutsch mehr als schlecht ist, beschließt er, meine zeichnerischen Gaben zu nutzen und mir die Möglichkeit zu geben, mich durch meine Kunst auszudrücken. Daraus erwächst ein dreijähriges intensives Arbeiten.

Man schreibt bereits das Jahr 1984.

In einem Graphikkurs lerne ich Heide Pavelzik und Anna von Holleben kennen, die genauso wie ich Kunst studiert und dann ihre Kinder großgezogen haben und arbeiten und ausstellen wollen. Anna, Heide und ich bekommen die Möglichkeit, im "Frauenmuseum" in Bonn Ateliers einzurichten; dabei handelt es sich um einen großen Betonbau, in dem eine Gruppe von Künstlerinnen um Marianne Pitzen nahezu ohne finanzielle Mittel zahlreiche Ausstellungen organisieren.. Doch es gibt dort viel Platz, und das Vorhaben ist interessant. Dort treffe ich andere Künstlerinnen.

Als ich meine Arbeit im "Frauenmuseum" aufnehme, befinde ich mich in einer Landschaftsphase. Mehrmals fahre ich an die normannische Küste, wo ich in der Natur Zeichnungen und Aquarelle angefertigt habe.

Meine Mitwirkung an der historischen Ausstellung über die Geschichte der Bonnerinnen stellt eine Zäsur in meiner Arbeit dar, eine Rückkehr zur Zeichnung und der Eintritt in die dritte Dimension.

Während eines Besuchs in Bonn, der von Studentinnen organisiert wird, die unter Frau Prof. Dr. Annette Kuhn arbeiten, erfahre ich davon, dass es in den Jahren 42, 43, 44 und 45 zahlreiche Frauen gab, häufig sehr junge Frauen, die von den Nazis - meist in Mitteleuropa - aufgegriffen und verschleppt worden waren und als Sklavinnen in den Fabriken arbeiten mussten. Mit Kreide, die eine farbig, die andere schwarz, und mit Skizzenpapier als Material begebe ich mich an die Arbeit. Ich vertiefe mich vollkommen in dieses Drama, identifiziere mich mit diesen Frauen; ich arbeite mit Feuereifer daran. Die Qualität des Strichs, die Emotionen, die darin zum Ausdruck kommen, sind für mich von ausschlaggebender Bedeutung. Zeichnungen, die mir nicht zusagen, zerreiße ich. Einige Monate später - ich arbeite weiter daran - klebe ich diese Überbleibsel meiner Zeichnungen auf große Streifen Pauspapier; diese Papierflächen hänge ich im Raum auf und schaffe damit mein erstes dreidimensionales Werk! Dies ist meine erste Installation.

Das Pauspapier wird zum Grundmaterial fast aller Arbeiten, die folgen sollen. Ich gehe vom Zeichnen zum Schreiben über. Hierzu verwende ich Stifte in Aquarellfarben auf feuchtem Pauspapier. Die aufgetragene Schrift ist teilweise unleserlich. Ich möchte damit jedoch nicht gelesen werden oder eine Botschaft übermitteln, sondern die Ambivalenz der Information zum Ausdruck bringen, ihre Relativität.


Anschließend eine Arbeit mit Schrift in graublau, eine Art "verbaler Architektur", mit der ich symbolisch einen postumen Dialog mit meinem verschwundenen Bruder herstelle, derjenige, der mich in die Welt des Zeichnens eingeführt hat. Darauf folgt eine weitere Arbeit mit Schrift mit dem Titel "The Death of Woman in Man". Dabei handelt es sich um einen Text von Senta Trömmel-Plötz in Form einer Anklagerede, was durchaus meinen Gefühlen entspricht, seit in den Nachrichten vom Krieg in Bosnien berichtet wird. Diesen Text schreibe ich mit weißen Kerzen auf weißes Papier. Der Text wird sichtbar, wenn ich ihn mit Tusche übermale. Und dann fertige ich 12 Kleider als Hommage für die Waschfrauen an. Die Geschichte der Bonner Waschfrauen ist besonders interessant, da diese im Jahre 1825 eine Protestaktion, einen Streik organisiert haben.

Eine Installationen aus der letzten Zeit, ebenfalls auf Pauspapier, ist anders, denn sie ist nicht aufgehängt und vertikal wie ihre Vorgängerinnen, sondern steht auf dem Boden. Sie besteht aus etwa hundert Schuhen, ganz in Weiß. Die Hälfte davon sind Männerschuhe, die N. Steeg hätten gehören können, meinem Ururgroßvater, der Anfang des 19. Jahrhunderts von Deutschland nach Frankreich ausgewandert ist. Auf diese Weise zeichne ich seinen Weg nach. Die übrigen Schuhe gehören mir: ich bin wieder in den Norden zurückgekehrt.

Eine weitere Arbeit ist zwischen diesen Installationen angesiedelt. Es handelt sich um Porträts, ganzfigürlich, etwas größer als in natura, von neun ausländischen Frauen, die in Deutschland leben. Diese Frauen sind gesellschaftlich integriert und aktiv und genießen im Rahmen ihrer Tätigkeiten Einfluss.

Weshalb diese Auflistung meiner Arbeiten? Hat diese für diejenigen, die sie nicht kennen, überhaupt einen Sinn ? Genügen Photos, um sich eine Vorstellung davon zu machen ? Von vielen kleinformatigen Arbeiten - Zeichnungen, Collagen, Ausschneidebilder usw. - habe ich gar nicht gesprochen. Trotzdem erhalte ich dank dieser Bilanz einen Gesamtüberblick über das, was ich in den letzten Jahren geschaffen habe.

Martine Metzing-Peyre, 2002

Film

v.l. Uwe Germar, Yuta Strega, Katy Kasten-Wutzler
Dreharbeiten in Najac
v.l. Martine Metzing-Peyre, Uwe Germar, Ute Preiß
Dreharbeiten in Bonn

März / April 2006 reiste ein Film-Team des habilete e.V. zu den Wohnorten der Künstlerinnen nach Bonn und nach Najac. Das gewachsene Vertrauensverhältnis zu beiden Frauen, gewachsen in den Monaten der sorgsamen Vorbereitungszeit, ermöglichte ungezwungene Dreharbeiten und offene Gespräche – beste Vorraussetzungen für die geführten Interviews. Beide reflektieren in unmittelbarer Ehrlichkeit über ihre Arbeit und die Rezeption des Krieges in ihren Heimatländern. Beide beschreiben ihren nicht leichten Weg, mit Wut und Resignation fertig zu werden.

Das filmische Portrait von Yuta Strega und Martin Metzing-Peyre war zum festen Baustein der Ausstellung geworden. Der Film ist ca. 30 min lang und kann, auf Anfrage per Mail ausgeliehen oder erworben werden.